Energiewirtschaft: „Insolvenzwelle – je später sie kommt, desto höher wird sie ausfallen“

Wirtschaftsexperten befürchten eine Insolvenzwelle, sobald die staatlichen Hilfsmaßnahmen ausgelaufen sind. In der Energiewirtschaft stehen schon jetzt kleine und mittelgroße Versorger aufgrund explodierender Strom- und Gaspreise vor Problemen. Um potentielle insolvenzgefährdete Unternehmen im Portfolio optimal zu überwachen, bietet Collenda für ihre Software Suite Open Credit 4.0 die sogenannte „Insolvenzcheck“-Schnittstelle an. Die notwendigen Daten liefert unter anderem das Insolvenz-Portal (STP Business Information GmbH). Wir haben über dieses Thema mit Björn Neumann, Senior Key-Account-Manager bei STP BI und Energieexperte, gesprochen.

Herr Neumann, derzeit berichtet die Presse vermehrt über eine drohende Insolvenzwelle unter Energieunternehmen. Erste Opfer gibt es bereits. Was sind die Gründe dafür?

Björn Neumann Dafür gibt es verschiedene Gründe: Zum einen bieten die meisten Energieversorger ihren Kund:innen Preisgarantien für ein oder zwei Jahre an. Sie können also die Preissteigerungen im Gasmarkt oder an der Strombörse erst verzögert weiterreichen. Das verkraften viele kleine Versorger nicht und auch einige mittelgroße Versorger können im Extremfall durchaus gefährdet sein. Ein weiterer Punkt ist, dass Versorger den voraussichtlichen Bedarf oftmals schon weit im Voraus und mit Blick in die Zukunft decken müssen. Es kommt also derzeit zu einer Konsolidierung im Markt, in dem es bei den rund 1.400 Versorgern zu Fusionen kommen kann. Wie dramatisch die Situation wird, hängt nun von der weiteren Entwicklung der Preise und den politischen Einflussmaßnahmen ab.

Was passiert im Falle einer Insolvenz?

Björn Neumann Die Kund:innen des insolventen Anbieters fallen in die sogenannte Grundversorgung. D. h., in der Regel muss sich das örtliche Stadtwerk um diese Kund:innen kümmern. Das kann natürlich zu Versorgungsproblemen beim örtlichen Grundversorger führen, wenn auf einen Schlag 10.000 Kund:innen versorgt werden müssen. Auf jeden Fall sorgt es jedoch für  entsprechend gesteigerte Kosten, da der Energiebedarf ja dann meist kurzfristig beschafft werden muss.

Ist das nicht auch vorteilhaft für die örtlichen Versorger, weil die Grundversorgung in der Regel am teuersten ist?

Björn Neumann Ja und Nein. Die Verbraucher:innen haben natürlich jederzeit die Möglichkeit, in einen anderen Tarif oder zu einem anderen Versorger zu wechseln. Aber das hohe Preisniveau während der Grundversorgung führt i.d.R. zu weiterem Unmut der Kund:innen. Bei der Gasversorgung haben wir durch die derzeit hohen Preisgefüge jedoch erstmalig die Situation, dass die Grundversorgung sogar günstiger sein kann als ein neuer Tarif. Dies liegt an der langfristigen Beschaffungssituation am Gasmarkt. Solche Preissteigerungen wie wir sie zuletzt erlebt haben, können nicht kurzfristig in den Grundversorgungstarifen abgebildet werden, da diese langfristig angekündigt werden müssen.

Wer ist sonst betroffen von der Insolvenz eines Versorgers?

Björn Neumann Hauptleidtragende sind in der Regel die Netzbetreiber als Bindeglied zwischen Strombörse und Energieversorger sowie die Stromlieferanten. Im Falle einer Pleite bleiben diese auf den offenen Forderungen sitzen.

Kann für kleine und mittelgroße Stadtwerke derzeit verstärkt auch die Zahlungsmoral von Privat- und Firmenkunden zum Problem werden?

Björn Neumann Absolut. Die Privatinsolvenzen haben sich zuletzt mehr als verdoppelt. Durch die rechtlichen Grundlagen darf der Energieversorger nur unter bestimmten Voraussetzungen Stromsperren durchsetzen und kann so nur eingeschränkt auf Zahlungsausfälle reagieren. Die Situation auf dem Firmenkundensektor hängt zum einen von der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie ab. Unternehmen aus der Hotellerie und dem Gastgewerbe standen hier zuletzt schon auf wackeligen Beinen. Auch das Thema Strom- und Gaspreise spielt eine Rolle, da energieintensive Unternehmen deutlich höhere Kosten tragen müssen. Wenn wir noch einmal das Beispiel der Strom-und Gasversorger heranziehen – für die lohnt es sich sicherlich betroffene Kundensegmente sowohl im privaten als auch im Firmenkundenbereich genauer zu überwachen. Denn eins ist klar: Die Insolvenzwelle wird, in Abhängigkeit weiterer politischer Maßnahmen, irgendwann heranrollen und je weiter sie aufgeschoben wird, desto höher wird sie ausfallen.

Ihr Unternehmen, die STP Business Information GmbH und wir als Collenda bieten im Rahmen unserer Software Suite Open Credit 4.0 eine sogenannte Insolvenzcheck-Schnittstelle an. Welche Daten stellen Sie dafür bereit?

Björn Neumann STP

Björn Neumann, Energieexperte STP BI.

Björn Neumann Wir generieren die Daten von den größten öffentlichen Portalen wie zum Beispiel von Insolvenzbekanntmachungen.de, bearbeiten sie redaktionell und tiefenstrukturieren diese, damit sie optimal in automatisierten Prozessen eingesetzt werden können. Darüber hinaus stellen wir Daten zu den sogenannten Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung für Unternehmen (ESUG) bereit. Alle Daten – also Stammdaten, Informationen über Insolvenzanträge, -verfahren und -verwaltungen – werden im Übrigen jeden Tag aktualisiert, sodass diese immer topaktuell sind.

Stellen Sie Informationen zu allen Branchen bereit?

Björn Neumann Die von uns erhobenen und tiefenstrukturierten Daten umfassen Insolvenzen aus allen Branchen in Deutschland. Daher können unsere Informationen für fast alle Branchen relevant sein. So nutzen Kunden aus der Telekommunikation, der Energieversorgung, den Banken, den Auskunfteien und im Inkasso mit einer großen Kundenvielfalt unsere Leistungen, aber auch Kunden aus der Industrie mit branchenspezifischen Kundenportfolio können von unserer Leistung profitieren.


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