Unternehmen am Tropf – so dramatisch wäre die Situation ohne staatliche Eingriffe (Video-Update 2021)

Die Zahl der Firmenpleiten ist im Corona-Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 15,5 % gesunken. Wie kann das sein? Der Kreditversicherer Coface hat in einer Studie simuliert, wie das wahre Ausmaß ohne staatliche Eingriffsmaßnahmen verlaufen wäre. Wir haben den Themenkomplex gemeinsam mit Coface-Volkswirtin Christiane von Berg Stück für Stück seziert.

Verwaiste Geschäfte in den Innenstädten. Verzweifelte Kleinunternehmer, die seit Monaten auf Hilfsgelder warten. Ladeninhaber, die ihre Ersparnisreserven aufbrauchen. An wirtschaftlichen Horrorszenarien herrscht derweil wahrlich kein Mangel. Dass die Zahl der Insolvenzen 2020 gegenüber dem Vorjahr um 15,5 % gesunken ist, ist für Christiane von Berg, Volkswirtin beim Kreditversicherer Coface, „gegen jedes wirtschaftliche Verständnis“ – aber erklärbar. Das wahre Ausmaß der Krise wäre nämlich ohne staatliche Unterstützungsmaßnahmen deutlich größer. Das geht aus einer Coface-Studie hervor, an der die Volkswirtin mitgearbeitet hat. Ein Ergebnis der Studie: Rechnet man staatliche Hilfen wie die Kurzarbeit heraus, stünde anstelle eines Rückgangs ein errechneter Anstieg der Insolvenzen von 9 Prozent.

Dass der Schein trügt, wird zudem beim Blick auf den wirtschaftlichen Schaden deutlich. Der wird 2020 bei voraussichtlich 44,1 Milliarden € liegen. In den vergangenen Jahren war der Schaden lediglich 2009 noch gravierender (73,1 Milliarden Euro). Die Gefahr für Forderungsausfälle hängt auch 2021 wie ein Damoklesschwert über der deutschen Unternehmenslandschaft.

Die Branchen

Coface hat für seine Studie die sechs Sektoren Bauwesen, Einzelhandel, Verarbeitendes Gewerbe, Tourismus, Unternehmensdienstleistungen und Transport und Logistik (inklusive Personenbeförderung) untersucht, da hier – nicht nur in der Krise – in der Regel 80 % aller Insolvenzen eintreten. Hier ist die Betroffenheit durchaus unterschiedlich: Während der Tourismus seit Beginn der Pandemie stark leidet, waren das Verarbeitende Gewerbe und die Logistik im ersten Lockdown stärker betroffen. „Die Nachfrage durch die für Deutschland wichtigsten Exportländern war im ersten Lockdown geringer, jetzt sind die Straßen wieder voll“, sagt Christiane von Berg. Die Konsument:innen hätten sich inzwischen auf E-Commerce eingestellt. Auch das Verarbeitende Gewerbe produziere wieder auf Vorkrisenniveau, nachdem während des ersten Lockdowns unter anderem das Einführen von Hygienemaßnahmen die Produktion verlangsamt hätten. Der Personentransport hingegen leidet ähnlich wie der Tourismus an den Reisebeschränkungen.

Video-Update „Insolvenzen“ Stand Juli 2021

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Das Insolvenzmodell

In die Rechnung der Firma Coface eingeflossen sind: Umsatzentwicklung und Unterstützungsmaßnahmen (direkte Subventionen, Kurzarbeit) minus Kosten (zum Beispiel Personal) geteilt durch die Gesamtverschuldung.

Der Staat

Als Volkswirtin empfindet Christiane von Berg die staatlichen Hilfseingriffe durch Kurzarbeit, KfW-Kredite oder das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht bis Ende April als zu stark, fügt jedoch ein „aber“ hinzu. Der Staat verfüge in dieser schwierigen Situation nicht über alle notwendigen Informationen für die bestmögliche Entscheidung: Wie ist das Geschäftsmodell des jeweiligen Unternehmens? Wie hoch dessen Liquidität? Wie genau wirken die Maßnahmen Kurzarbeit und Brückenhilfe? Mit vielen unsicheren Faktoren lasse sich ein Modell nur ganz grob bauen. Außerdem sei es nicht möglich, die Maßnahmen auf jedes Unternehmen individuell abzustimmen. „Das sind also Aktionen mit dem Vorschlaghammer“, sagt die Volkswirtin. Sie würde natürlich gerne er mit einem kleinen Hämmerchen und Meißel die Maßnahmen unternehmensspezifisch einsetzen. Aber: „Lieber zu viel, als zu wenig.“ Zudem sei Deutschland, was Wirtschaftsleistung und Lebensqualität angehe, mit einem blauen Auge davongekommen. Während es hierzulande 2020 die stärkste Rezession seit 2009 gegeben habe, war der Konjunktur-Rückgang in anderen Ländern der stärkste seit 1946.

Die Zombies

Gewarnt wird seit Installation der staatlichen Hilfsmaßnahmen vor sogenannten Zombieunternehmen, die ohne Unterstützung nicht mehr lebensfähig wären. Christiane von Berg meint, dass „Zombies“ nur ganz schwer zu erkennen seien. Zwar gebe es Schätzungen von der Bundesbank. Auch sei es möglich, logisch herzuleiten, wo ungefähr die Zombieunternehmen verortet seien. Eine genaue Lokalisierung werde aber erst dann stattfinden, wenn es zum Beispiel zu einer weiteren Krise ohne Unterstützungsmaßnahmen komme. Selbst das Ende der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zum 1. Mai müsse nicht zwingend Klarheit bringen, sagt die Coface-Volkswirtin. Das habe das Beispiel Frankreich gezeigt, wo es Ende August bei einem vergleichbaren Szenario nicht zu mehr Insolvenzen gekommen sei. Hinzu kommt: Im Lockdown stünden weniger Termine bei Gericht zur Verfügung. Dementsprechend seien die Zahlen schon aufgrund dieses organisatorischen Dilemmas verzerrt. (Wir haben die Zombiesystematik mittels einer Infografik für Sie aufbereitet).

Die Faktoren

Das Voranschreiten der Impfkampagne ist für Christiane von Berg sowohl und damit für eine nachhaltige Konturbelebung essenziell. Zwar sei es im dritten Quartal 2020 zu einem starken Aufschwung gekommen. Diesen habe indes der darauffolgende Lockdown zunichte gemacht. „Wichtig ist, dass wir nun möglichst schnell eine Herdenimmunität erreichen, um nicht ständig in das Stop-&-Go zurückzufallen“, sagt die Volkswirtin. Weitere Faktoren sind China und die USA, da die deutsche Wirtschaft stark vom Verarbeitenden Gewerbe abhänge und dieses wiederum vom Export in die genannten Industrienationen. „Dass China die Pandemie gut unter Kontrolle hat und die USA beim Impfen schon sehr weit sind, hat insbesondere dem Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland das erste Quartal 2021 gerettet“, sagt Christiane von Berg. Dass die US-Amerikaner durch die Impfung mehr Freiheiten hätten, wirke sich überdies positiv auf den Konsum aus.


Christiane von Berg ist Chef-Volkswirtin beim Kreditversicherer Coface.

Die Länder

Insolvenzwachstum ist zwischen Ländern nicht vergleichbar. Ein Anstieg der Pleiten von 9 % in Deutschland ist völlig anders, als 19 % in Spanien. Insolvenzrecht und Unternehmenslandschaft seien unterschiedlich. Länder mit einer starken Startup-Szene sind in der Regel anfälliger als eine statische Unternehmenslandschaft wie in Deutschland. Christiane von Berg rät, Insolvenzen immer im historischen Kontext innerhalb eines Landes zu betrachten. Hinzu kommt: zwar ist eine Insolvenz für das jeweilige Unternehmen immer ein schmerzvolles Drama, gesamtwirtschaftlich betrachtet müssten Insolvenzen differenziert betrachtet werden. Der Schaden von Forderungsausfällen kann genauso stark variieren wie der Verlust von Arbeitsplätzen.

Die Zukunft

Das Statistische Bundesamt verzeichnet für Februar und März einen Anstieg der Regelinsolvenzen, also der Anträge, die bei Gericht eingehen. Von einem Zuwachs von rund 30 % gegenüber dem Vormonat spricht Christiane von Berg. Das sei ein Frühindikator, dass die Insolvenzen nun anzögen und es zu einem Aufholeffekt kommt. Der Wert für März 2021 liege bereits jetzt über den Zahlen vom März 2020. Wie schlimm es am Ende wirklich kommt, ist allerdings schwer zu prognostizieren. Die Volkswirtin geht davon aus, dass Unterstützungsmaßnahmen wie die Brückenhilfe, Kinderfreibeträge, die Senkung der Mehrwertsteuer oder Subventionen für die Bereiche Kultur und Events einen Effekt gehabt haben.


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